Widerstand und Widerspruch

Widerstand im Widerspruch / Widerspruch im Widerstand
 
Emanzipatorischer Widerstand findet auf vielfältige Art und Weise statt: Persönlicher Widerstand im Alltag oder am Arbeitsplatz, kollektiver Widerstand im gesellschaftlichen Raum – symbolisch und kurzweilig oder dauerhaft und langanhaltend, revoltierender Widerstand gegen Unterdrückung oder gegen die eigenen Privilegien.
 
Immer entspringt emanzipativer Widerstand aus Widersprüchen, die aufgedeckt, thematisiert und einer kritischen Reflexion unterzogen werden. Ein solches Hinterfragen macht es den Widerständigen unmöglich, über die vorherrschenden Widersprüchlichkeiten weiter hinwegzuschauen und sie zu tolerieren. Doch Widersprüche finden sich auch in der eigenen Handlungsweise, also auch in eben jenem Widerstand selbst. Dies wiederum bedeutet, widerständiges Handeln bedarf, dass Widersprüche in ihm selbst aufgedeckt und thematisiert werden. Es bedarf, genau wie die kritisierten Verhältnisse, einer kritischen Reflexion…
 
…einer Reflexion über die eigenen Veränderungspotenziale, bezogen auf das gesellschaftliche Umfeld oder die eigene Praxis: Nützt meine Widerständigkeit vor allem meinem Gewissen und meinem Selbstwert? Oder kann sie Menschen, uns selbst eingeschlossen, in ihrer Betroffenheit tatsächlich Unterstützung bieten?
 
…einer Reflexion über die Vereinnahmung von Widerstand durch staatliche oder gesellschaftliche Institutionen oder Akteur*innen: Sind wir kompromissbereit oder halten wir an unseren Forderungen fest? Ist es sinnvoll, realpolitische Strategien zu berücksichtigen und dadurch eigene Ideale aufzuschieben oder sogar vollkommen zu verlieren? Oder bleiben wir diesen Idealen treu und laufen damit eventuell Gefahr den Kontakt zu verlieren und im eigenen Kreis zu verharren?
 
…einer Reflexion über die gewählten Widerstandsformen: Bedarf es einer Vermittelbarkeit der Widerstandsform? Wie gehen wir mit unterschiedlichen, aber sich eigentlich nahe stehenden Widerstandsbewegungen um? Wie kann die Solidarität zwischen diesen Bewegungen aussehen?
 
…einer Reflexion über den Kontext, in dem Widerstand stattfindet: Welche Ziele und Ansprüche liegen meinem Widerstand zu Grunde? Welche Problemfragen sind miteinander verknüpft und welche Bündnisse ergeben sich daraus?
 
…einer Reflexion über die eigenen Widersprüche und Grenzen im Kopf: Wie kann eine Auseinandersetzung damit aussehen und wie könnte eine solidarische Streitkultur aussehen, die wir vermissen und deren Abwesenheit es schwer macht, uns auch gegenseitig auf Widersprüche hinzuweisen?
 
Wir haben viele Fragen und Unklarheiten über den momentanen Zustand einer linken emanzipatorischen Bewegung in unseren Köpfen und wollen die Radical Bookfair nutzen, um gemeinsam in Gedankenspielen darüber zu diskutieren. Dabei sind wir uns darüber im Klaren, dass die Komplexität der Verhältnisse um uns herum eine einfache Betrachtung darüber unmöglich macht. Trotz dessen soll es darum gehen, uns genau diese Widersprüche, in denen wir leben, aufs Neue bewusst zu machen. Denn sie verwandeln sich aufgrund ihrer Alltäglichkeit oft in Normalität und beeinflussen unsere widerständige Praxis dadurch immens – vermeintliche Standards einer sogenannten linken Politik wurden über Bord geworfen, neue Kampffelder erprobt, altes Wissen ging auf manchen Wegen verloren, neue Erkenntnisse wurden gewonnen.
Wir wollen dazu einladen, die Radical Bookfair Leipzig als Rahmen zu betrachten, um über diesen Zustand, diese Entwicklung zu reflektieren und zu diskutieren. Wir wollen Widersprüche aufbrechen, um zu verhindern, dass sie uns zur Stagnation zwingen. Und wir wollen unseren Widerstand weiter entwickeln – kritisch und trotzdem solidarisch!